Stadterfahrung // Maike Thies

überall wird gebaut, überall wird abgerissen, aufgestockt, ausgehoben.

die frage ist, wer gräbt wem das licht ab?

wer behindert wem die sicht?

pseudo-weitsichten werden mit pseudoskycrapern geschaffen. die stadt platzt baulich aus den nähten, ernährt sich offenbar von luft und sonne, wird zum asket, der sich als epizentrum einer neuen weltanschauung vermarktet.

überall werden möglichkeiten geboten, die nur wenige nutzen können und auch nur von

wenigen genutzt werden.

gestern sprach ich mit einem hochstapler, der meinte, das auf der höhe sein, sein lebenszweck sei. nichts weiter meinte der zu mir, und das allen ernstes: mehr

kam nicht, da war der hochgewachsene schon weitergegangen.

null input aber einen klotzartigen output zeichnet die stadt aus. die betonmischer leiden an muskelkater, die stahlindustrie ächzst unter der dimension, der sie erreichenden aufträge. strassen ziehen sich Narben zu, die immer wieder gestopft und dann doch -unter der taktung, der die baustellen erreichenden zulieferer und lastwagen-sukzessive wieder aufgerissen werden.

hier entsteht ein revier, dort wird es niedergerissen, hier spricht man in den Zeitungen von stadtoasen, da von migranten-spelunken.

das hochbauen gekoppelt mit einem hochstapeln zeichnet unserer stadt unschöne kluften und sprünge ins gesicht . die einst, vor langer zeit so glorifizierten, verbal hochstilisierten bauten, verlieren HEUTE an der potenz epochenprägende bauwerke zu sein bzw.

zu werden.

in dieser stadt wird alles format, was man als format formulieren kann und das, was

nicht passt, wird platt gemacht, einfach platt gemacht, ohne wenn-und-aber.

ich habe den einzelnen ungetümen namen gegeben, um mich, da sie so person geworden, von ihnen distanzieren zu können, um meine meinung an jemanden adressieren zu können. doch alle hasstiraden, hilflosigkeiten prallten nur ab, von den wänden, vom beton, vom glas.

sie haben mir das licht abgegraben, wärmen sich im sonnenschein, während ich am fusse zittere und beinahe erfriere.

mein kleiner garten: blumen, tomaten, kresse und allerlei anderes sollten darin wachsen, haben im boden ein leben entfalten müssen, dass am licht keine chance hatte. nur

ich weiss an welcher stelle dieser garten hätte blühen sollen.

vor gar nicht langer zeit, drei, vier tage dürften verstrichen sein, da habe ich einen schäferhund getroffen, wir haben uns auf anhieb gut unterhalten und so beschloss man auf ein glas rioja in eine kleine beiz zu gehen. er erzählte mir von duftenden, kräutergeschwängerten wiesen, die einst allgegenwärtig gewesen seien, von menschen die arbeitenden und schliesslich in ihre heime zurückkehrten, die diese selbst auch als solche bezeichneten. das eigene heim und der eigene garten seien zentrale bezugsorte gewesen. früher habe man am tag das arbeiten genossen, da man ein ziel am abend gehabt habe. jeder kannte seinen leuchtturm in der stadt wie seine westentasche. Ja, und das fügt er nach einer lyrischen pause hinzu, auch hatte es da noch platz und grund für uns beide.

wie zwei gestrandete sitzten wir beisamen, sagen nichts, verharren nur. der hund schärft zähne und krallen, ich meine worte.

WIR werden nicht aufgeben, uns raum zum atmen zu erkämpfen.

sie haben mir das licht abgegraben,

ich gehe dagegen an.

(Maike Thies)

Foto: Flurin Fischer

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